J. Blüher, J. Wagner, F. Roscioli, B. Bartocci

© Simone Schiavon

Samstag, Mittagszeit. Ich komme gerade zurück, ein bisschen müde inzwischen, vom Campo de’ Fiori, dem römischten aller Märkte, dem Blumenmarkt, der doch so sehr den Nahrungsmitteln dient, das jedes andere Gewerbe auf dem Platz, außer den Blumenverkäufern binnen kürzester Zeit Pleite geht. Es ist auch der touristischte Platz der Stadt, im Lauf des Tages wird er dazu, und in der Nacht kollabiert er deswegen regelmäßig.
Heute früh um 7 war er leer, die Stände wurden langsam und unter manchem Schwätzchen aufgebaut: man guckte gegenseitig auf die Ware des Anderen, denn auch die Fischhändler mögen Blumen und die Blumenhändler essen Fisch, und die beste Ware wechselte so frühzeitig den Besitzer ohne das auch nur ein Euro dabei seine Rolle gespielt hätte. Die sonst strengen Polizisten schauten seltsam zur Seite, um uns nicht wahrzunehmen, als Josef Wagner mit mir verbotenerweise im VW-Bus und deutschem Kennzeichen in die Fußgängerzone einbog. Das war eingefädelt von Fabrizio Roscioli und Bernardino Bartocci, den Bäckern des Antico Forno Campo de’ Fiori, die auf uns warteten. Im Laderaum hatten wir 300 Kilo deutsches Mehl, Brezelsalz, Vanille, Kürbiskerne, Bakterienkulturen für Sauerteig und einiges an Werkzeug. Andere Länder, andere Sitten, haben wir den Wagen stehengelassen und zusammen erst einmal einen caffé getrunken, dann ging es ans Ausladen. Josef Wagner ist Bäcker und ich bin der Direktor der Villa Massimo, der Deutschen Akademie Rom, die seit einem Jahrhundert fast alle bedeutenden deutschen Künstler, Komponisten, Schriftsteller und Architekten zu dem begehrten einjährigen Aufenthalt, den man einstmals Rompreis nannte, aufgenommen hat.

Josef Wagner, aus Münsing am Starnberger See, ist jetzt für sieben Wochen borsista, Stipendiat der Villa Massimo.
Zwei Straßen haben ihn nach Rom geführt. Die eine betrifft ihn sozusagen selbst, es geht um das Essen, die Ernährung, gastrosophische Parameter, die andere meint die strategische Überlegung, die Akademie der klassischen Kunstsparten der heutzutage überbordenden Kreativität außerhalb dieser engeren Bereiche zu öffnen – ein Versuch mit offenem Ausgang.

Wer in Rom, in Italien, im Süden lebt, der erkennt unschwer und schnell, dass das Essen Vorwand für menschliches Zusammensein ist. Man will, man muss, schon seiner Natur wegen, zusammenkommen und man will das auf angenehme Art. Deswegen muss das Essen gut, besser: köstlich sein, und zwischendurch, während des Gesprächs, wird immer wieder Notiz davon genommen, so dass sich alles zunehmend miteinander amalgamiert,
bis es zu dem wird, wofür wir die Italiener bewundern, was uns in Deutschland
meist abgeht und was noch jedem Reisenden und damit auch jedem Künstler auf seinem Weg in den Süden die Richtung gewiesen hat: Lebensgefühl.

Josef Wagner wird in seiner römischen Zeit im Antico Forno arbeiten wie seine römischen Kollegen, von drei Uhr morgens an, jeden Tag bis auf Sonntag.
Er wird lernen, wie man eine köstliche Focaccia macht, die die Grundlage für alles sein kann, was einem schmeckt. Oder einen Panettone, eines der am schwierigsten herzustellenden Gebäcke überhaupt. Er wird aber auch hinuntergehen in die verwinkelten Keller des ehemaligen Gasthauses vacca hospitalis (die gastfreundliche Kuh), in dem Lucrezia Borgia ihr Leben verbracht und ausgehaucht hat, vorbei an den antiken Säulen eines Gebäudes des Pompejus (hier lagen sein Theater, sein Zirkus und seine Kurie, in der Caesar unter den Stichen der Verschwörer zusammenbrach), die hier als notwendige Stütze des später darüber errichteten Hauses übrig geblieben sind, um sein bayerisches Mehl in die Backstube hoch zu holen, denn von Mittwoch an wird der geschätzten Kundschaft auf einer Tafel im Verkaufsraum mitgeteilt, dass nunmehr bis auf weiteres Brezeln und Kürbiskernbrot im Angebot sind.

Wir lernen: deutsche Brötchen werden bei 240 Grad 18 Minuten gebacken, italienische bei 265 Grad 12 Minuten. Deutsche Brötchen sind deshalb dicht und gleichmäßig und halten noch die feinste Marmelade an der Oberfläche, italienische müssen ein großes Loch in der Mitte haben, damit so köstliche Dinge wie Mozzarella und dick aufgeschnittene Salami darin verschwinden. Brötchen, die wie deutsche sind, gelten Italienern als unbrauchbar, die italienischen Löcher im Teig bei uns als Defekt (Ernst, Du hast dich schon wieder bekleckert!).

Damit sind wir an einem bemerkenswerten Punkt. Wer sich Deutschland und Italien vor Augen führt, wird immer wieder auf Parallelitäten stoßen. Ich will gar nicht erst das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bemühen, denken Sie einfach nur an die territoriale Zerrissenheit, aus der sich unsere Nationen geformt haben, unseren gemeinsamen grundlegenden Mangel an Nationalgefühl, unsere Küchen, die bäuerlich, manchmal proletarisch, aber nie aristokratisch sind und immer einen unverwechselbaren, dominanten Geschmack suchen – ein paar andere Sachen fallen mir noch ein, die nicht hierher gehören.
Soviel gleiche Prinzipien und Erfahrungen, und doch sind wir wie Hund und Katz – der zeigt Freude, wenn er mit dem Schwanz wedelt, die, wenn sie das gleiche tut, Aggression kurz vor dem Ausbruch. Fahren Sie einmal durch den römischen Stadtverkehr, vor sich unverhofft freie zwanzig Meter, die Ihnen durch die Praxis gegenseitigen Respekts und die deutsche Straßenverkehrsordnung vertraut sind, und sehen Sie, wie binnen Sekunden sechs italienische Kleinwagen die Lücke gefüllt haben (das geht!), weil sie halt da war. War hier jemand aggressiv? Nur in Ihrer Vorstellung. Nein, die sechs haben sich über die Lücke gefreut, die sie in tief emotional empfundener und gar nicht messbarer Geschwindigkeit schneller voran bringen wird. Und so geht es den Alltag hoch und runter, so ist es in der Politik, so ist es hinein bis in die Kunst. Kurz: Deutsche und Italiener sind zueinander das schiere Gegenteil. Man sieht es überall, und man sieht es eben auch in der Ernährung. Ernährung und Zubereitung sind kulturelle und politische Indikatoren ersten Ranges. Deshalb musste irgendwann ein Bäcker zu uns stoßen, pars pro toto, aber auch, weil sich auf diese Art und Weise, ohne Worte, aber mit Geschmack und Ästhetik zeigen lässt, wie man sehr anders sein und sich trotzdem gegenseitig schätzen kann. Wie sagte Herr Roscioli heute früh? Mit einer pizza bianca öffne ich jede Tür. Das kann Josef Wagner auch. Mit einer Brezn.

Und ehe ich es vergesse: in der Nähe des Antico Forno liegt die Via dei Monti di Farina, die Straße der Mehlberge. Stellen Sie sich vor: eine zunftartige Straße von Bäckereien, hinten die Mehlberge, um den Teig zu machen, nach vorne wird verkauft. Wir sind im 15. und 16. Jahrhundert, die berühmtesten Künstler, Wissenschaftler und Kardinäle der Renaissance spazieren die Straße hinunter oder lassen hier Brot und Küchlein einkaufen, und die Bäcker sind…allesamt Deutsche. Nach den Untersuchungen des Berliners Knut Schulz und des Römers Arnold Esch weisen es die Notariatsregister dieser Zeit eindeutig aus: Rom aß deutsches Brot. Mal sehen, ob wir da anknüpfen können.

Joachim Blüher, Rom



Die Villa Massimo nimmt im Rahmen eines Pilotprojekts 2008 und 2009
für je zwei Monate Personen aus Berufsfeldern auf, die mit den klassischen Sparten Kunst, Musik, Literatur und Architektur korrespondieren können. In diesem Jahr sind das Valentina Simeonova (Oper), Josef Wagner (Bäcker), Christine Birkle (Kostümdesign), Till Verclas (Kunstdruck) und Friedrich Forssmann (Typografie). Da die Villa Massimo auch die Rolle einer kulturellen Botschaft hat, stößt das Projekt in Rom auf großes Interesse, und es wird mit einer gegenüber Deutschland unüblichen Mischung aus Respekt und Amüsement registriert, wie sich auf unkonventionelle Weise die Tür der Kunst zu den anderen Feldern kreativen Schaffens öffnet. Wie bei den klassischen Sparten auch, verbindet sich mit diesen Stipendien die Hoffnung, dass die römische Erfahrung zu einer substantiellen ästhetischen Weiterbildung führt, deren Ergebnisse insgesamt die Existenz einer deutschen Akademie in Rom rechtfertigen.


Auszüge dieses Aktikels sind im Tagesspiegel vom 15.05.2008 erschienen.