Esra Ersen - Bildende Künstlerin

Le due Rome, 2020
Ortsspezifische Installation
Travertin, Metall

Die Künstlerin Esra Ersen stammt aus Istanbul und wohnt seit 2006 in Berlin. Zurzeit lebt sie als Rompreisträgerin in der Villa Massimo.
Le due Rome sind zehn literarische Miniaturen, mit denen Esra Ersen Travertintafeln beschriften ließ und die hinter einer Bushaltestelle an der Mauer der Villa Massimo entlang der Viale XXI Aprile gezeigt werden.
Der Titel Le due Rome bezieht sich auf den byzantinischen Schriftsteller und Gelehrten Manuel Chrysoloras, der am Ende des 14. Jahrhunderts als Diplomat in Venedig und Florenz dem Humanismus der Frührenaissance entscheidende Impulse gab und die Verwandtschaft Roms und Konstaninopels vor dem Vergessen rettete.
Die heutigen Städte Rom und Istanbul sind Teil eines zusammenhängenden Kulturraums, der sich bis ins 20. Jahrhundert erhielt und dessen Wesen in reger Kommunikation, engem Handel und Austausch bestand. Spätestens jedoch die Identitätspolitiken der sich formierenden modernen Staaten im 19. und 20. Jahrhundert zogen nationale Besonderheiten als identitätsstiftende Merkmale heran, wodurch das Bewusstsein gemeinsamer Wurzeln aus dem Blickfeld rückte.
Travertin ist ein allgegenwärtiges Material in Rom. Der Stein wird als architektonischer Werkstoff, als Träger von Straßennamen oder auch bei Gedenktafeln eingesetzt. Ersens Verwendung von Travertintafeln als Medium ihrer Textminiaturen wirft Fragen nach dem Wesen von Botschaften im öffentlichen Raum auf. Neben der Frage nach dem Gegenstand von Beschriftungen und Texten im öffentlichen Raum, kann sich auch die Frage nach den Motiven hinter der Entscheidung, nach den Entscheidern und deren Legitimation stellen. Dieser Aspekt von Raumpolitik ist Teil des immerwährenden Diskurses um Identität und Repräsentation, sowie auch gesellschaftlicher Ziele und der Überlieferung von Vergangenheit. Die redigierte Überlieferung von Vergangenheit wird das, was wir Geschichte nennen.
Die Namensgebung der Viale XXI Aprile – hier wird die künstlerische Arbeit präsentiert – kann das illustrieren: Am 21. April wird der Gründung Roms im Jahre 753 v.Ch. gedacht, basierend auf den Berechnungen des römischen Universalgelehrten Marcus Terentius Varro, der diesen Tag aus zwei Daten rekonstruierte. Einmal der Eroberung Trojas im Jahre 1193 v. Chr. und zum zweiten der symbolischen Zahl 440, die ihm als Maß für den zeitlichen Abstand zwischen Tod und Wiedergeburt galt. Bis zu den christlichen Kalendern blieb natalis urbis der Fixpunkt in der Vergangenheit: die Vorstellung von Rom als der Wiedergängerin des mythischen Troja in Anatolien.

Deutsche Übersetzungen der Texte Le due Rome

Göran Gnaudschun

Anne Boissel

Sigrid Penkert

Fernando Bryce

Claudia Wieser

Gabriele Basch

Wolfgang Kaiser

Jana Gunstheimer

Eike Roswag