Zurück in Arkadien!

Der „kalte Krieg“ um die Villa Massimo und ihre Übergabe an die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1956


Vortrag anlässlich der Tagung "Deutsche Forschungs- und Kulturinstitute in Rom in der Nachkriegszeit" am Deutschen Historischen Institut, Rom, 29. - 31. Oktober 2003

von Dr. Joachim Blüher und Angela Windholz

Die deutsche Akademie Villa Massimo in Rom, die wie die Akademien der Spanier, Engländer und Amerikaner erst kurz vor dem zweiten Weltkrieg gegründet wurde, hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur mit zweimaliger Sequestrierung, sondern auch mit großen innerdeutschen Zweifeln am Sinn ihrer Einrichtung zu kämpfen. Schon 1920, als es darum ging, die erst wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges eröffnete Villa Massimo nach dem Krieg aus der Konfiszierung herauszulösen, hieß es in Gutachten über ihre bisherige Funktion: „Die Erfahrungen mit unseren Romstipendiaten sind nicht so günstig, daß man den Weiterbestand der Deutschen Akademie in Rom befürworten könnte.“ Obwohl Benito Mussolini 1923 versicherte, „ché di Villa Massimo non si parla, perché sarà restituita” zogen sich die Rückgabeverhandlungen insgesamt über zehn Jahre bis zu ihrer Wiedereröffnung hin. Das lag nicht nur an den wachsenden Zweifeln gegenüber der Notwendigkeit künstlerischer Romstudien und der angespannten wirtschaftlichen Situation, sondern auch an der Belegung der Villa Massimo mit italienischen Kriegsversehrten aus dem Ersten Weltkrieg. Die dort untergebrachten mutilati konnten als patriotische Helden wirkungsvoll politisch instrumentalisiert werden. Ihre Beherbergung in der deutschen Villa konnte in gewisser Weise als späte Genugtuung gegenüber dem Kriegsfeind, als gerechte Übergabe an die Kriegsgeschädigten interpretiert und die Villa als Trophäe betrachtet werden.

Ähnliche Eindrücke einer internationalen Fetischisierung der Akademien in Rom als nationale Repräsentationsobjekte der Hochkulturen, die sich nicht zuletzt aus der Verquickung der Fama der gastierenden Künstler mit der Aura des Ortes speiste, ist ein Leitmotiv der Akademien in Rom. Dieser Hintergrund erklärt auch den Umgang mit der ehemaligen Deutschen Akademie nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre im Vergleich zu den wissenschaftlichen Instituten kompliziertere und verzögerte Wiedereröffnung.
Während der deutschen Besatzung Roms mußten die Akademien der im Krieg gegen Deutschland alliierten Länder schließen und wurden treuhänderisch von der Schweizer Botschaft verwaltet. Als die alliierten Truppen in der Nacht vom 4. und 5. Juni 1944 das Stadtgebiet von Rom betraten, gehörten die Akademien der Alliierten zu ersten Anlaufpunkten. Captain Godfrey Davis vom britischen Militärgeheimdienst, der im Jahr 1938 selber als Stipendiat an der British School in Rom gewesen war, wagte sich in den frühen Morgenstunden in Deckung vor Freischärlern bis in die Valle Giulia und die British School vor. Der Hauswart, Signor Bruni, erinnerte sich an den Moment:

“Quando sentii bussare al portone ripetutamente, ebbi paura che fossero i tedeschi: mi decisi ad aprire e vidi un ufficiale inglese di mia conoscenza, Mr. Davis; […] Mi disse che i tedeschi si stavano ritirando su tutto il loro fronte; allora presi la bandiera inglese e la mettemmo (forse in quel momento era la prima bandiera che sventolava su Roma).”

Fahnen spielten schon bei den Gründungsbemühungen einer Deutschen Akademie in Rom eine Rolle, als französische Pressemeldungen die deutschen Aktivitäten und die wachsende Präsenz deutscher Einrichtungen in Rom mißbilligten:

„Une académie allemande à Rome. La Ville éternelle est littéralement conquise par les congrégations religieuses et les Allemands. Ceux-ci se sont emparés de la position la plus historique de Rome; ils dominent sur le Capitole avec leur ambassade, leur institut et leur hôpital; de plus ils ont à Rome leurs églises, leurs écoles, leur cercle et même leurs fabricants nationaux de saucisses et de choucroute. Il leur manquait une „école des beaux-arts“, et tandis qu'en France on parle de suppremer cette institution séculaire, Guillaume II. songe à créer une villa Médicis où flotterait le drapeau allemand.“

Das Bild der deutschen Fahne auf einer zweiten Villa Medici - eine Vorstellung, die an den Usus strategischer Feldzüge erinnert - verrät die damals gesteigerte Sensibilität bei der Verteilung repräsentativer Grundstücke für die ausländischen Kunstakademien in Rom. Berücksichtigt man ihre seit jeher gegebene Rolle als Außenposten nationaler Kulturrepräsentanz, verwundert es nicht, daß sie 1944 wiederum zu ersten Anlaufpunkten in der von den Deutschen aufgegebenen Stadt wurden.

„Accademia tedesca“ - die Avantgarde Roms und kommunistische Künstler in den Ateliers der Villa Massimo

Die Deutsche Akademie Villa Massimo kam am 8. Juni 1945 als feindliches Vermögen unter alliierte Sequesterverwaltung und bot nach Abzug der deutschen Truppen zeitweilig einem Strom von Flüchtlingen Quartier. Ernstlich war ihr Erhalt für eine künstlerische Bestimmung in Gefahr, als am 14. August 1947 zwischen den Westalliierten und Italien ein beschleunigter Verkauf derjenigen Vermögenswerte, die direkt oder indirekt deutschen nationalsozialistischen Organisationen in Italien gehörten, beschlossen wurde. Doch für die Villa Massimo setzte sich ein anderer Plan durch, dessen Idee, so ist überliefert, antifaschistische und kommunistische Künstler, die in der Resistenza aktiv waren, nach Kriegsende faßten. Ihr Plan sah vor, daß die Ateliers künstlerisch verdienten, antifaschistischen und kriegsgeschädigten Künstlern durch die kommunistischen Minister der provisorischen Nachkriegsregierung Palmiro Togliatti und Antonio Pesenti für eine symbolische Miete zugewiesen wurden.

Die so geregelte Belegung ließ die Villa Massimo in den Jahren von 1945 bis 1956 zu den herausragenden römischen Zentren der italienischen Avantgarde werden. Die hochfunktionalen und luxuriösen Ateliers, eins neben dem anderen, boten eine hervorragende kommunikative Arbeitssituation, wie sie sonst in Rom nur in den Ateliers im Park der Villa Strohl-Fern und an den Hängen des Pincio in der Via Margutta gegeben war. Gerade letztere waren in den Nachkriegsjahren immer unerschwinglicher geworden, nachdem sich dort mehr und mehr ausländische und vor allem amerikanische Filmstars und Prominente einmieteten.
Nach und nach bezogen in den ersten Nachkriegsjahren die zukünftigen Protagonisten der italienischen Kunstszene, wie Leoncillo (Studio 3), Marino Mazzacurati (Studio 4), Renato Guttuso (Studio 5) und seine Gehilfen Aldo Turchiaro und Raffaele Leomporri, Emilio Greco (Studio 2), Enzo Rossi, Enzo Brunori, Vittoria Lippi, Romeo Mancini, Ugo Rambaldi, Salvatore Meli, Aldo Caron (Studio 6), Ugo Marinangeli (Studio 3a), Guido la Regina u. a. die Studios und Wohnungen des Ateliertraktes der Villa.

Guttusos Atelier wurde zu einem beliebten Versammlungsort der römischen Kunstszene, darunter Carla Accardi, Pietro Consagra, Antonio Corpora, Piero Dorazio, Sandro Franchina, Mino Guerrini, Mario Mafai, Achille Perilli, Enrico Prampolini, Antonio Sanfilippo, Angelo Savelli, Gino Severini und Giulio Turcato und die Kunstkritiker Corrado Maltese und Antonello Trombadori, bevor sie sich in programmatische Gruppierungen auflöste. Zunächst noch vereint durch politische Ideale und künstlerische Experimente, setzten sie sich in ihrer 1947 gegründeten Gruppe Forma 1 zum Ziel, die erste römische Avantgardebewegung einer abstrakten Kunst zu sein. Das erstaunliche daran war, daß sie als überzeugte Kommunisten und trotz Parteimitgliedschaft im PCI versuchten, an der Abstraktion festzuhalten. In ihrem Manifest hieß es: “Noi ci proclamiamo formalisti e marxisti, convinti che i termini marxismo e formalismo non siano inconciliabili.” Doch diese liberale und naive Haltung - in der Nachkriegskunstgeschichte eine isolierte Erscheinung - scheiterte bald an der politischen Realität. Wenn sich auch für einige Künstler wie z. B. Leoncillo, der auch PCI -Mitglied war, im Neokubismus soziale Themen fassen ließen und der Stil Ausdruck ihrer politischen Position war, provozierte die sich abzeichnende Trennung zwischen dem eher abstrakten Kubismus nach dem Vorbild Picassos und dem Realismus, wie ihn der PCI forderte jedoch bei vielen von ihnen Schaffenskrisen. Rückblickend schrieb z. B. Leoncillo über diese auch in der Villa Massimo verbrachte Zeit: „dieci anni e dei migliori buttati dalla finestra.“

Als die italienischen Kommunisten noch optimistisch auf die rasche Herbeiführung eines sozialen Staates und breite Unterstützung ihrer Ideen blickten, unterstützte Togliatti zunächst die Nichteinmischung der PCI in die Kunstszene. Aber 1946 und noch traumatischer 1948, mit dem Wahlsieg der Christdemokraten am 18. April und dem Attentat am 14. Juli auf Togliatti, verblich der Traum der raschen Durchsetzung des Kommunismus in Italien und auch die kulturelle Debatte verhärtete sich zunehmend. Die politischen Einbußen und Mißerfolge der kommunistischen Partei verursachten eine angespannte Stimmung in der Parteispitze, die nun auf eine politische Propaganda unter Einbeziehung der Intellektuellen und Künstler nicht weiter verzichten wollte. Besonders Guttusos Atelier in der Villa Massimo wurde in der Folge zum Hauptquartier des sozialengagierten Realismus auf der Linie Togliattis, wie er in Trombadoris Kritiken und Zeitungsartikeln in Zeitschriften wie Rinascita, Realismo und Il Contemporaneo verfochten wurde.

Rückgabe an wen? - ungeklärte Besitzverhältnisse in einem geteilten Land

Während dieser künstlerischen Richtungskämpfe in der Villa Massimo, in der die Unvereinbarkeit von formal-abstrakter Kunst mit einem politischem Engagement, im Sinne des PCIs, vermehrt zu Tage trat, kam es beim interalliierten Komitee am 30. Juli 1953 zum Freigabebeschluß für die Villa Romana in Florenz, für die Villa Massimo und die beiden Künstlerhäuser Casa Baldi und Villa Serpentara in Olveano Romano. Er sah jedoch nur die Übergabe zu kulturellen Zwecken an private Rechtsnachfolger der ehemaligen Besitzer vor. Bei der Villa Romana, die schon vor dem Krieg von einem privaten Freundeskreis getragen wurde, lag die Sache relativ einfach, sie wurde am 16. März 1954 dem früheren Verein der Freunde der Villa Romana, vertreten durch Dr. Erich Bendheim und Hermann Herold, zurückgegeben und vom deutschen Künstlerbund in Berlin übernommen. Die Villa Serpentara war Eigentum der ehemaligen preußischen Akademie der Künste in Berlin, die sich inzwischen in zwei Nachfolgeinstitutionen aufgespaltet hatte, da sie sowohl im Westen und als auch im Osten der Stadt wiedergegründet wurde - in Ost-Berlin als Deutsche Akademie der Künste, DAK, am 23. April 1950, in West-Berlin als Akademie der Künste, AdK, am 2. Dezember 1954. Die Casa Baldi hingegen war Eigentum der Reichskulturkammer, deren Rechtsnachfolge gleichermaßen ungeklärt war, zumal man ungern zugab, daß es sich dabei um eine nationalsozialistische Organisation gehandelt hatte. Als Nachfolgeorganisation der Reichskammer der Bildenden Künste wurde der Bund deutscher Landesberufsverbände Bildender Künstler mit Sitz in München vorgeschlagen, wobei dies nur eine eilfertige Notlösung war. Die Kulturabteilung der Bundesrepublik war tatsächlich mit dieser Wahl nicht einverstanden, es handle sich, so die Begründung, um einen „Verein mittelloser und unfähiger Künstler“ - und suchte nach einem renommierteren Träger, der auf gesamtstaatlicher Ebene agierte. Nach dem Bonner Grundgesetz wäre der Rechtsnachfolger der Reichsorganisation tatsächlich die Bundesregierung, womit jedoch die Gefahr verbunden war, die Rückgabebedingungen der Alliierten Sequesterkommission, die einen privaten Rechtsnachfolger forderte, nicht zu erfüllen.

Noch komplizierter sollte sich die Frage der legitimen Rechtsnachfolge im Fall der Villa Massimo darstellen. Das Problem lag hier in den schon von Beginn ihrer Existenz an nicht ganz eindeutigen Eigentumsverhältnissen. Die aus privaten Mitteln Eduard Arnholds gestiftete Akademie wurde 1910 dem preußischen Staat geschenkt, wobei sowohl die Akademie der Künste zu Berlin, als auch Arnhold Verfügungsgewalt über die Nutzung behielten. Nachdem der Staat Preußen, auf dessen Namen die Villa Massimo im römischen Grundbuch noch registriert war, durch Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947 aufgelöst worden war, blieb unklar, wer an seiner Stelle die Villa Massimo übernehmen konnte. Für Italien war die Bundesrepublik die Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches. Die Kulturgüter Preußens wiederum sollten in die Hände einer zu schaffenden Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehen. In einem Schreiben an Hans Arnhold, einem Nachfahren des 1925 verstorbenen Eduard Arnholds und Vertreter der Stifterfamilie, äußerte sich der Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes Dr. von Trützschler folgendermaßen:

„Es ist dabei ins Auge gefaßt, den preußischen Kulturbesitz auf einen Rechtsträger zu übertragen, in dessen Organen alle preußischen Nachfolgeländer in der Bundesrepublik vertreten sind, während den übrigen preußischen Nachfolgeländern [im Osten Deutschlands] die Möglichkeit einer späteren Mitwirkung offen gehalten werden soll.“

Das Problem bei dieser Lösung war jedoch nicht nur, daß die Stiftung Preußischer Kulturbesitz noch weit von ihrer Rechtswirksamkeit, die sie erst 1961 erlangte, entfernt war, sondern eben auch, daß die „Nachfolgeprovinzen in der sogenannten deutschen demokratischen Republik“ die Frage ihrer Mitwirkung ziemlich bald erheben würden. Außerdem wurde befürchtet, daß nicht nur die preußischen Nachfolgeländer in Ost- und West-Deutschland an der Villa Massimo beteiligt sein wollten, sondern alle westdeutschen Länder. Ebenso machte die erst 1954 neugegründete Akademie der Künste in West-Berlin ihre Rechtsansprüche geltend. Für die Klärung der ehemaligen Zuständigkeiten und Besitzanteile der Stiftung Arnholds wurden schließlich sogar Aktenkopien von der Hohen Kommission aus dem State Department Washington der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes nach Bonn übersandt, da die Aktenlage sowohl in Berlin als auch in Bonn unklar war.
Auf italienischer Seite wäre man mit einer kulturellen Institution wie der Akademie der Künste in Berlin (West) als zukünftigem Besitzer einverstanden gewesen und der Botschafter Clemens von Brentano, der als erster Botschafter der Bundesrepublik seit 1951 beim Quirinal akkreditiert war, drängte am 25. Januar 1954 das Auswärtige Amt zu einem Lösungsvorschlag, zumal auch der damalige Vorsitzende der alliierten Sequesterkommission McIvor der Rückgabe durchaus gewogen war.

Nach zwei Jahren bundesrepublikanischer Verwirrung über die Zuständigkeiten und der Kritik an der künstlerischen Rolle Roms angesichts der schwindenden Bedeutung der Stadt auf Grund des internationalen Trends zur abstrakten Kunst, nahm das Auswärtige Amt von einer Nutzung als Akademie schließlich sogar Abstand und schlug die Villa als Sitz der Botschaft vor. Gustav René Hocke zufolge reagierten darauf die römischen Kunstkreise jedoch so verstimmt, daß „sie der Stadt empfehlen wollten, sollte aus der Villa Massimo tatsächlich eine Botschaft werden, so möge man das Goethe-Denkmal im Pincio Park nach Bonn schicken, weil es dann hier, an dieser Ehrenstelle mitten in der Ewigen Stadt, seinen Sinn verloren hätte.“ Wenige Tage später wandten sich schließlich die Nachfahren Eduard Arnholds - inzwischen beunruhigt ob der nicht enden wollenden Diskussion - durch ihre Anwälte an das Außenministerium.

Doch gerade in dieser Zeit hatten sich die außenpolitischen Parameter für die Bundesrepublik gewandelt: Mit Inkrafttreten der Pariser Verträge am 5. Mai 1955 erreichte Konrad Adenauer die endgültige Souveränität der Bundesrepublik und gab das Auswärtige Amt am 8. Juni an Heinrich von Brentano ab, den Bruder des westdeutschen Botschafters in Rom, Clemens von Brentano. Daraufhin entschloß die Kunstausschußsitzung in Bonn im Juni eine provisorische Konstruktion der Rechtsnachfolge, nach der der Bund die Villa Massimo übernehmen und Kosten für ihre Wiederherstellung, Betreuung und Verwaltung bereitstellen sollte. Die Finanzierung der Stipendiaten hingegen sollte von den Ländern übernommen werden. Die hohen Ausgaben begründete der Ausschuß mit der Notwendigkeit politischer Imagepflege: „In Rom unterhalten andere Staaten Einrichtungen ähnlicher Art wie die Deutsche Akademie (Villa Massimo) eine war. Schon aus Gründen des politischen Prestiges ist Gleichstellung der Bundesrepublik einschließlich des Landes Berlin zu wünschen“. Die Berliner Akademie der Künste als ehemalige Trägerin der Villa Massimo war nicht mehr beteiligt. Ihr damals prekärer Status, als Nachfolgeinstitution der preußischen Akademie der Künste zu Berlin mit einer Konkurrenzinstitution im Osten der Stadt, die ebenfalls den Anspruch der Nachfolge erhob und ihr Standort in der geteilten Stadt waren der Bundesregierung wahrscheinlich zwei zu große Unsicherheitsfaktoren für eine zukünftige Bestandssicherung. Begründet wurde die Ausklammerung der Akademie der Künste mit den untragbar hohen Kosten, die bei der Übernahme der Villa auf sie zukämen. Damit wurde die traditionelle Bindung der römischen Ateliers an das fast zweihundertjährige Rompreisverfahren, den großen Staatspreis der preußischen Akademie der Künste gelöst.

Das Kulturabkommen zwischen Italien und der Bundesrepublik - die DDR als Störfaktor

Am 8. Februar 1956 unterzeichneten Italien und die Bundesrepublik das bilaterale Kulturabkommen, nachdem der italienische Ministerpräsident Antonio Segni während seines Staatsbesuches in Bonn im Februar 1956 der Rückgabe der Villa Massimo zugestimmt hatte. Anläßlich Konrad Adenauers Italienbesuchs sollte es im Sommer zur symbolischen Übergabe der Villa Massimo an die Bundesrepublik kommen. Die Villa wurde damals der Bundesrepublik als Treuhänderin für den noch immer nicht ermittelten Rechtsnachfolger Preußens übergeben und von da an vom Bundesministerium des Innern verwaltet.

Im Laufe der fünfziger Jahre drängten die UdSSR und die DDR jedoch verstärkt auf Anerkennung von zwei deutschen Staaten. International traten nun zunehmend beide deutsche Republiken auf und machten deutsche Ansprüche geltend. Schon am 27. Februar 1956, also wenige Tage nach der Unterzeichnung des Kulturabkommens wurde die Rechtmäßigkeit der Rückgabe der Deutschen Kunstakademie an die Bundesregierung in einer Verbalnote, die das Außenministerium der Sowjetzone über die tschechoslowakische Gesandtschaft in Rom der italienischen Regierung zukommen ließ, angezweifelt. Danach würde bei Übergabe der Villa Massimo an die Bundesrepublik nicht das Interesse der Gesamtheit des deutschen Volkes berücksichtigt. Im April erschien im „kryptokommunistischen“ Abendblatt Paese-Sera, so der entrüstete Botschafter, ein Interview mit dem Staatssekretär für Auswärtiges der Sowjetzonenregierung, Georg Handke. Wobei Brentano schon die Betitelung „Staatssekretär für Auswärtiges“ als bewußt irreführend beklagte:

„[...] in dem Interview wird fälschlicherweise von einem ,Abkommen über die Freigabe ehemaligen deutschen Vermögens in Italien‘ gesprochen, das angeblich zwischen der Bundesregierung und Italien abgeschlossen sei. Die Tatsache, daß dieses ‚Abkommen‘ nur ‚mit einem einzigen der deutschen Staaten‘ abgeschlossen sei, habe die DDR, so heißt es in dem Interview, zu einer Protestnote an die italienische Regierung veranlaßt, die von dieser jedoch ‚leider‘ zurückgewiesen sei.“

Italien reagierte zunächst gelassen. „Das Italienische Außenministerium hat die Note der Sowjetzonen-Regierung mit Verbalnote vom 23. März 1956 der Tschechoslowakischen Gesandtschaft zurückgereicht.“ Der Botschafter zitierte in einem Schreiben an das Auswärtige Amt in Bonn aus der Antwortnote der italienischen Regierung, in welchem die Sowjetzonenregierung, die im Italienischen herablassend als „Ente“, also „Körperschaft“ bezeichnet wurde, zurechtgewiesen wurde, sich nicht in die Deutsch-Italienischen Angelegenheiten einzumischen: „non può essere accettata, non riconoscendo il Governo Italiano all’Ente firmatario del documento stesso alcun titolo a trattare questioni concernenti i rapporti italo-tedeschi.“

Immerhin erzielte die Ostzonennote trotz ihrer Zurückweisung eine gewisse Wirkung. Sie führte zu Verzögerungen der Rückgabeverhandlungen, da sie Nachfragen des interalliierten Komitees bei den Regierungen der alliierten Länder erforderte und auch die Regierung der DDR gab sich durch die Abwehr noch nicht geschlagen; diesmal wurde über die Sowjetbotschaft in Rom, so eine dpa-Meldung vom 29. Mai, nicht nur eine Protestnote der „Sowjetzonen-Regierung“ im Palazzo Chigi überreicht, sondern vor Ort in Rom und unter einem kunstwissenschaftlichen Deckmäntelchen die Situation eruiert:

„[...] Die Pankower Regierung vertritt in ihrem Protest den Standpunkt, die Kunstakademie sei im Besitz des preußischen Staates gewesen, der seinerseits die äußerst wertvolle Stiftung ‚Villa Massimo‘ der ‚Deutschen Akademie der Künste‘ zugeeignet habe, und deren Sitz befinde sich in Ostberlin. Während des Krieges wurde die Akademie allerdings in das Gebiet Westberlins verlagert. Von unterrichteter neutraler Seite wird in der Ewigen Stadt in diesem Zusammenhang bekannt, daß sich gegenwärtig ein Abgesandter der Pankower Regierung in Rom aufhält. Nach außen hin habe er einen ‚kunsthistorischen Forschungsauftrag‘ seiner Regierung und der Kunstgalerie Dresden auszuführen. In Wirklichkeit solle er aber angeblich erkunden, welche Einmischungsmöglichkeiten für die Regierung der Sowjetzone in Italien bestehen, um auf solchen Umwegen dem Bestehen der sogenannten DDR auch im Westen staatsrechtliche Anerkennung zu verschaffen.“

Die DDR versuchte, so zumindest die Interpretation des dpa-Korrespondenten, ihre internationale völkerrechtliche Anerkennung über die Eigentumsfrage und Restituierung der Villa Massimo ins weltpolitische Gespräch zu bringen. In diese Frage mischten sich nun auch wieder die immer noch in der Villa Massimo arbeitenden italienischen Künstler ein, deren Mietverhältnisse mit Rückgabe der Villa Massimo auszulaufen drohten. Da die Argumente der Künstler und der „ostzonalen Regierung“ gegen die Freigabe der Ateliers weitgehend übereinstimmten, wurde auf direkte Kontakte zwischen den Künstlern und den entsprechenden Stellen in Ost-Berlin geschlossen. Dieser Verdacht auf einen Schulterschluß zwischen der DDR und den Künstlern in der Villa Massimo erhärtete sich im Laufe der Auseinandersetzung um die Freigabe der Ateliers und den nach und nach geäußerten Ansprüchen der DDR, eine „gesamtdeutsche“ Frage anhand der Villa Massimo zu diskutieren:

„Der Präsident der Deutschen Akademie der Künste im Sowjetsektor Berlins, Engel, hat der Villa Massimo Hilfe und Mitarbeit dringend angetragen und den Wunsch ausgesprochen, Prof. Gericke zu besuchen. Prof. Franchini, ehemaliger Zwangsverwalter der Villa, hält die noch in seinem Besitz befindlichen und für eine Räumungsklage unentbehrlichen Mietverträge zurück; er hat auf bisher siebenmalige Aufforderung nicht reagiert. Mit Grund wird vermutet dass Herr Franchini die Mieter berät. Sollte es zu Prozessen kommen, so darf die Prophezeiung gewagt werden, dass den Beklagten, vielleicht unsichtbar und jedenfalls kostenlos, die besten derjenigen juristischen Ratgeber zur Seite stehen werden, die in Rom Mitglieder der kommunistischen Partei sind. Würde dagegen die mit Engels Zunge angepriesene Zusammenarbeit als einstweiliges Surrogat für das politisch gezielte „gesamtdeutsche Gespräch“ angenommen: Wie schnell lägen auch ohne achte Mahnung die fehlenden Akten auf dem Tisch, wie diensteifrig hätten wahrscheinlich die durchweg kommunistischen Mieter auf einen Wink von gewisser Seite die besetzten Stellungen geräumt! Ein Weg zum Ziel, der damit aber keinesfalls empfohlen werden soll. Beachtung verdient es auch, dass diese Mieter auf geheimnisvolle Weise von dem Besuch aus Bonn und Berlin bis auf den Tag und Stunde des Eintreffens beider im voraus zuverlässig unterrichtet waren.“

Die erlittenen Kriegsleiden und dadurch verursachten Ressentiments verhärteten zusätzlich die Haltung der Künstler in der Atelierfrage. Die dpa berichtete in Bezugnahme auf Paese-Sera:

„Die Rückgabe der Villa Massimo (Sitz der ehemaligen deutschen Akademie), die am ersten Oktober dieses Jahres ‚effektiv‘ werden soll, bringt für die römischen Künstler eine ‚Atelierkrise‘, schreibt das Abendblatt Paese-Sera. In den zwölf geräumigen Ateliers der Arnhold’schen Stiftung arbeiten gegenwärtig italienische Maler und Bildhauer, (die klar ihre Hoffnung zum Ausdruck gaben, dass sich die Abwicklung der entgültigen Rückgabe auch über den ersten Oktober hinaus erstrecken möge.) Manche sind sogar der Ansicht, die Villa Massimo hätte als ‚Reparations-Zahlung‘ in italienischem Besitz bleiben sollen. (Sie alle drängen darauf, dass die römische Stadtverwaltung sie in neuen Ateliers unterbringen müsse, bevor sie die jetzigen Arbeitstätten aufgeben würden.) Der kommunistische Maler Renato Guttuso äusserte die Ansicht, die Villa Massimo hätte zur Hälfte der Bundesrepublik und zur Hälfte der deutschen Ostzone zugesprochen werden sollen, nachdem nun einmal die deutsche Teilung bestehe und die Arnholdsche Stiftung ‚allen deutschen Künstlern zugute kommen müsse.‘ “

Der Espresso schrieb im Oktober 1956:

„Der Kriegsrat, der vorigen Mittwoch in Villa Massimo gehalten wurde, hat für Widerstand bis zum Äussersten entschieden. An der Besprechung nahmen die Bildhauer Marino Mazzacurati, Leoncillo Leonardi und Emilio Greco, und die Maler Renato Guttuso und Enzo Brunori teil. Ihr Feind ist geradezu eine Nation: Das Deutschland von Bonn. Kriegsgrund sind die Studios in Villa Massimo, die an Westdeutschland zurückgegeben werden sollten. [...] Renato Guttuso sagt: ‚Es ist ungerecht, dass die Deutschen die Villa wiederbekommen. Nach einer Wiedervereinigung Deutschlands könnte man darüber sprechen. Aber es ist unlogisch, die Studios den deutschen Künstlern überlassen zu müssen, die den Amerikanern gefallen.‘ Unter den italienischen Kommunisten ist Renato Guttuso einer von denen, die diese ‚Ausdehnung‘ Amerikas mit grösstem Verdacht betrachte. Marino Mazzacurati, der in Villa Massimo das Denkmal des Widerstandes von Parma geschaffen hat, sagt: ‚Da muss schon das Überfallkommando kommen, um mich rauszusetzen.‘ Während des Krieges war Mazzacurati von den Deutschen und den Faschisten verfolgt worden und mußte sich in der Besatzungs[-zeit ? Ergänzung d. Verf.] versteckt halten. ‚Vielleicht gehe ich, wenn man mir die 20 Millionen Lire für Kriegsschäden bezahlt, die mir und meiner Familie zugefügt worden sind. Solange ich das Geld nicht bekomme, bin ich hier Gast.‘ (Sollte die Villa den Deutschen zurückgegeben werden, und sollten diese sich bereit erklären, die Studios an die italienischen Künstler zu vermieten, würde Mazzacurati die Miete nicht bezahlen, denn wie er sagt, würde er sich weigern, jeglichen Vertrag mit den Deutschen zu unterzeichnen....) Die Künstler sind zum Widerstand unter allen Umständen und gegen jeden Räumungsbefehl entschlossen, treffen aber trotzdem ihre Maßnahmen für den Fall einer Niederlage. Sie haben gesammelt und sammeln noch immer Dutzende und Dutzende von Fotografien des nazistischen Terrors in Italien. Sollten sie ausziehen müssen, werden sie sie an den Wänden der Studios angeklebt lassen.“

Unter diesen Umständen schrak der Botschafter vor der Zwangsräumung zurück:

„Allerdings bin ich mir im Klaren darüber, dass die Zwangsräumung im grossen Stile und mit erheblichem Polizeiaufgebot voraussichtlich starke Beachtung in der italienischen Öffentlichkeit finden und auf Betreiben der Mietparteien auch in der Presse ausgeschlachtet werden wird. Einige der Mieter sind Kommunisten. Darunter befinden sich anerkannte Künstler. Werke eines dieser Künstler werden zur Zeit sogar in Deutschland ausgestellt. Es liegt nahe, dass bei geschickter Propaganda die Beteiligten alles daran setzen werden, um die kommunistische Partei gegen die angeblich brutalen Massnahmen der deutschen Seite auf den Plan zu rufen und das Mitleid der italienischen Öffentlichkeit über die Vergewaltigung bedeutsamer italienischer Künstler zu erwecken, die in ihrem eigenen Lande auf die Strasse gesetzt würden.“

Noch 1958 schwelte der Konflikt um die nicht zustandekommende Räumung und angeblich wollte auch die italienische Regierung unter der Hand über die Villa Massimo Druck auf Deutschland ausüben, wie Professor Gericke, der ehemalige Direktor der Villa Massimo, von dem Bildhauer Marino Mazzacurati erfuhr:

„Mazzacurati berichtet: Die Schuld liegt nicht bei den italienischen Künstlern allein, deren Wunsch, solange wie möglich die Vorteile des billigen und schönen Wohnens in der Villa Massimo auszunutzen, begreiflich sei, sondern bei den italienischen Behörden, die nicht für andere Unterbringungsmöglichkeiten für ihre Landsleute gesorgt hätten. Schließlich sagte Mazzacurati: „Was sollten wir machen, wenn uns vom eigenen Unterrichtsministerium nahe gelegt wurde, der Räumung Widerstand zu leisten, bis die im Kriege entführten italienischen Kunstwerke von Deutschland zurückerstattet werden.““

Verständlicherweise war eine antideutsche Stimmung in Erinnerung der Kriegsleiden leicht zu entfachen und weit mehr gefürchtet als die Ansprüche der DDR. Doch in der für sie relativ hoffnungslosen Frage der Rückgabe der Villa Massimo resignierte die DDR nicht mutlos, sondern schuf sich erfindungsreich ein eigenes Kulturzentrum in Rom: Gustav René Hocke warnte schließlich auch in der Süddeutschen Zeitung im Mai 1957 davor, die kulturpolitischen Aktivitäten Ostdeutschlands nicht zu unterschätzen, goß aber damit eigentlich nur Öl ins Feuer:

„Inzwischen sind wir nämlich auch in anderer Hinsicht in eine ‚neue Phase‘ getreten. In Rom ist ein Centro Thomas Mann (ein Thomas-Mann-Kreis) entstanden, der sich als Studien- und Informationszentrum bezeichnet. Es sollen ‚jene Gesichtspunkte des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens in der Bundesrepublik und in der Deutschen Demokratischen Republik unterstrichen werden‘, so erfährt man aus dem schlechten Deutsch des Aufrufs, ‚die für das gesamte Deutschland gelten‘. Die Aufgabe des Zentrums soll darin bestehen, ‚alle jene Initiativen zu unterstützen, die die gegenseitigen Beziehungen zwischen der italienischen und der deutschen Kultur erleichtern und zur Klärung der mit der augenblicklichen Lage Deutschlands zusammenhängenden politischen Probleme beitragen.‘ Das klingt mehr als deutlich nach totalitärer politischer ‚Kulturpropaganda. [...] Man sieht, der ‚Centro Thomas Mann‘ will nicht nur viel, er will alles. Die DDR schmuggelt damit eine regelrechte verkappte ‚Botschaft‘ nach Rom.“

Ähnliche Befürchtungen hatten auch den Kulturattaché der Deutschen Botschaft in Rom, Dr. Dieter Sattler, belastet, der an der Seite des Botschafters und Professor Herbert Gerickes die langen und angestrengten Rückgabeverhandlungen bis in den Winter des Jahres 1956 hinein führte. In dieser Zeit habe Sattler erkannt, wie sich neben der Bedrohung durch den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion und ihre Satelliten, ein zweiter Graben zwischen den Blöcken auftat: „Die Kampfzone weitete sich aus“ kabelte 1956 Sattler aus Rom nach Bonn, die Sowjetunion habe eine weltweite „kulturelle Offensive“ gestartet. Diese staatlich verordnete Kulturpropaganda eines totalitären Regimes verschärfe den Streit der Systeme.

Die oben erwähnte Verbalnote der Sowjetzonenregierung verursachte beim italienischen Außenminister zumindest Klärungsbedarf hinsichtlich drohender internationaler Schwierigkeiten und verzögerte die Rückgabe ein weiteres Mal. Der Außenminister wollte sich durch einen vertraglichen Zusatz in den Rückgabenoten mit dem sich Italien vor zukünftigen Forderungen der Sowjetzone absichern wollte, ohne jedoch explizit auf sie hinzuweisen. In einem verschlüsselten Telegram der deutschen Botschaft in Rom, das citissime nur auf Ebene der Staatssekretäre verteilt wurde, warb der Botschafter um Akzeptanz der italienischen Formulierungen und Rückversicherungen, die seiner Meinung nach keineswegs zur Anerkennung der Forderungen der DDR führten:

„Vor mehr als 8 Tagen ist der von den Italienern vorgeschlagene Zusatz von 8 Worten zu der Garantierklärung dem Auswärtigen Amt übermittelt worden. Im Zusatz ist jede Erwähnung der Sowjetzone vermieden und wird nur allgemein vom internationalen Rechtsbereich gesprochen. Diese Formulierung hat wirklich nur theoretischen Wert und präjudiziert gegenüber der Sowjetzonen-Regierung gar nichts.“

In Bonn nahm man die von Italien gewünschte Einfügung in die Vertragspapiere: „sei es in innerstaatlichen, sei es in internationalen Bereichen“ dann auch nicht als versteckten Hinweis auf die DDR: „Eine implizite Anerkennung der sogenannten DDR kann aus der gewählten Formulierung nicht gefolgert werden.“ So wie die DDR hier nicht erwähnt wurde, schwiegen sich auch die Publikationen der folgenden Jahrzehnte über die Wiedereröffnung und Wiederinbetriebnahme der Villa Massimo, sogar noch 1978 Carl Gussone konsequent über die Forderungen der DDR nach Mitbeteiligung aus, als befürchtete man, allein durch die Nennung der DDR, ihre Existenz anzuerkennen.

Dennoch blieb das Problem weiterhin präsent. Selbst Jahre nach Inbetriebnahme der Akademie 1957 wurde die ungeklärte Eigentumsfrage noch mehrmals entfacht. 1963 sollte beim Katasteramt in Rom von „unbekannter Seite ein Eigentums- und Besitzfeststellungsantrag eingegangen sein, der u. U. von der Handelsvertretung der SBZ gesteuert ist.“ Selbst 1973 füllten Nachrichten um die Ansprüche der DDR an der Villa Massimo noch das Sommerloch der deutschen Presse. Überschrieben mit „Rotes Preussen“ oder „DDR will Preussens Nachfolgestaat sein“ wurde die Forderung des Botschafters der DDR in Rom, Klaus Gysi, nach einer Mitbeteiligung an der Villa Massimo mit Kopfschütteln registriert, wobei die Bundesregierung sich vor allem über die Skrupellosigkeit der DDR erstaunt zeigte, zwar auf Preußens Nachfolge zu beharren und sein Erbe an Vermögenswerten zu fordern, aber für die Kriegsschulden und deren Entschädigungszahlungen nicht einzustehen.

Die Rückgabe der Villa Massimo an die Bundesrepublik Deutschland 1956

Ende 1956 führten die Rückgabeverhandlungen schließlich zum Ziel: Am Abend des 7. November unterschrieb der italienische Außenminister die italienische Note, am 8. November wurden die Noten ausgetauscht und 9. das Rückgabeprotokoll unterzeichnet. Am gleichen Tag hat die Botschaft rückwirkend „die Rückgabe in deutsche Verwaltung ab 31. 10. 1956 [...] durch Anschlag am schwarzen Brett der Portierloge [der Villa Massimo] den Mietern mitgeteilt.“ Am 10. November wurde das 1938 durch den damaligen Direktor Willis entfernte Bronzerelief des Stifters Eduard Arnhold, das der Pförtner während der Kriegsjahre aufbewahrt hatte, wieder aufgestellt. Die achtzehn Zwangsmieter der Sequesterverwaltung, darunter die italienische UNESCO Kommission im Haupthaus und die Künstler, verließen nach zähen Verhandlungen und Prozessen, die sich bis 1958 hinzogen, die Villa Massimo. Als letzter gab auch Emilio Greco sein Atelier auf, der, wie die Presse am 10. Juli meldete „inzwischen zur democrazia cristiana übergetreten“ war.

Mit der moralischen Rechtfertigung, daß man die Villa deutschen Künstlern zur Verfügung stellen wollte, die durch das NS-Regime vom internationalen Kontakt abgeschnitten und benachteiligt waren, suchte man in Italien den Unmut über die Entmietung der italienischen Künstler und ehemaligen Resistenzakämpfer zu begrenzen.
Die nun einsetzenden Bemühungen, dem Haus wieder den Ruf der Vorkriegszeit zu verschaffen, wurden von Botschafter Brentano nur zurückhaltend begrüßt. Er hoffte auf eine leise und vorsichtige Inbetriebnahme und das Vermeiden triumphaler Signale. So wies er auch die in der Neuen Presse vom 11. August 1956 durch Gustav René Hocke vorgeschlagene Ehrenpräsidentschaft des Bundespräsidenten Theodor Heuss mit dem Hinweis zurück, die Bedeutung des Hauses würde damit überschätzt werden, auch würde der Rückgabe eine zu große Bedeutung beigemessen und übertriebene Aufmerksamkeit auf sie gelenkt werden.

Ein weiterer Versuch der forcierten Wiedergewinnung der Reputation bestand in dem Vorschlag, den bekannten Publizisten und Herausgeber des Merkur Joachim Moras als geistigen Leiter der Villa Massimo einzustellen. Auch das deutet darauf hin, daß es immer wieder Bemühungen gab, herausragende Persönlichkeiten zu finden, die dem Haus rasch wieder auf die Beine helfen, Glanz verleihen und richtungsweisend wirken sollten.
Gericke hingegen bremste wie der Botschafter von Brentano diese Initiativen. Wohl aufgrund des eigenen Schicksals war er gegenüber kulturpolitischen Schachzügen reserviert und realistisch eingestellt. Die Akademie, der Herbert Gericke zehn Jahre lang vorstand, gab es nicht mehr. Die Kunstwerke, die das Leben und die Erinnerungen der Institution ausmachten, waren verschwunden und der Zustand des Gebäudes war trostlos. Auch die ehemaligen Kontakte zu den Akademien der anderen Länder in Rom hatte der Krieg zerrüttet. Sie konnten nur nach und nach vorsichtig wieder aufgenommen werden und daß Gericke als Vertreter eines Deutschlands vor dem Nationalsozialismus galt, war dabei von Vorteil. Er eröffnete bei der ersten Begehung der Villa Massimo sein Programm den Anwesenden folgendermaßen:

„Sie werden wissen wollen, welche zukünftigen Ziele die Akademie verfolgen wird. Es wäre verfrüht, bei den zu klärenden finanziellen und verwaltungstechnischen Schwierigkeiten heute schon große Programme aufstellen zu wollen. Eines aber kann gesagt werden, die Akademie wird kein Propagandainstitut sein und wird entsprechend dem Willen des Stifters in erster Linie eine Arbeitsstätte für die deutschen Künstler sein, die auf ihrem Gebiet Bedeutendes geleistet haben.“

Hiermit stellte sich Gericke ausdrücklich gegen die in den Nachkriegsjahren herrschende Tendenz, die Villa politisch zu instrumentalisieren. Auf der einen Seite versuchte die DDR über den Anspruch auf die Villa Massimo und ihre kulturpolitischen Aktivitäten in Rom sowohl politischen Einfluß als auch internationale Wahrnehmung zu bewirken. Diese gezielte Strategie lag wahrscheinlich mehr oder weniger einem politisch-kulturellen Selbstverständnis der DDR nahe, die als kommunistischer Staat bewußt ein Kulturverständnis kultivierte, das in erster Linie politisch zu sein hatte. Insofern war die Taktik seitens der Bundesrepublik nicht schwer zu entlarven aber mangels der Ideologie nicht mit gleichen Mitteln zu bekämpfen.

Auf der anderen Seite scheint die Bundesrepublik die Sache der Künstler nicht immer mit Rückgrat verfochten zu haben, sondern den politischen Problemen, die sich mit dem Engagement für die Villa Massimo verbunden haben, hintangestellt zu haben. Möglicherweise dienten politischen Risiken auch als Vorwand, um sich zögernd für die Rückgabe einzusetzen. Der Bundesrepublik fehlte im bewußten Verzicht auf eine kulturpolitische Ideologie vielleicht zumindest ein klares Konzept auswärtiger Kulturpolitik und zusätzlich im konkreten Fall eine zeitgemäße künstlerische Idee für eine Akademie in Rom, auf deren Grundlage nicht nur den politischen Schwierigkeiten leichter zu begegnen gewesen wäre.

 

Erscheint in:
Michael Matheus (Hg.), Deutsche Forschungs- und Kulturinstitute in Rom in der Nachkriegszeit, Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 112, Tübingen 2006.

 

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