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Ein Raumschiff aus Ruhe und Konzentration

Für Generationen von deutschen Künstlern war die Villa Massimo in Rom ein arkadischer Ort: Eine Anthologie zum Schmökern und Schauen zeigt nun, welche Spuren die ewige Stadt in den Gästen hinterlassen hat – und umgekehrt. Von Dirk Schümer

Dieses Buch ist wie eine Reise. Eine Kunstreise nach Rom, in einen der schönsten Parks der Stadt, zum urbanen Landhaus – aber nicht eines blasierten Aristokraten oder eines neureichen Snobs. Sondern zur Villa der deutschen Kunst in Italien. Seit gut hundert Jahren gibt es – in später Nachahmung einer französischen Tradition – die Villa Massimo, die 1910 vom deutschen Kohlemagnaten Eduard Arnhold für die Riesensumme von zwei Millionen Reichsmark an den preußischen Behörden und Bedenkenträgern vorbei gebaut und mit Stiftungskapital ausgestattet wurde. Arnhold, der 1925 starb und als Jude seine Verfemung, die Abmontage seines Bronzeporträts durch die Nationalsozialisten nicht mehr erleben musste, ist der große Bildband zum Säkularjubiläum gewidmet.

Die Herausgeber können aus dem Vollem schöpfen, deshalb ist diese Hochglanzbilanz keiner der üblichen Kaffeetischbeschwerer, sondern eine mit Wundern gefüllte Anthologie zum Schmökern und Schauen geworden. Schon die sinnliche Pracht, etwas von Karin Kneifels Dunkelgemälden aus dem Park der Villa (mit teilweise erkennbaren Protagonisten wie dem Direktor Joachim Blüher) im Kontrast zu coolen Rom-Fotos von Martin Classen, der neben Mussolinis EUR-Pompgebäude verschmuddelte Wohnmobile in den Blick nimmt! Solche Collagen sind eben möglich, weil diese Künstler als Stipendiaten nicht nur die Gastfreundschaft des Hauses genossen, sondern ihre individuelle Sicht auf die ewig wandelbare Ewigstadt Rom hinterlassen haben.

Barbara Klemm steuert wie gemeißelte Schwarzweißansichten italienischer Monumente bei, graphisch erhaben klingen die filigranen – ebenfalls in Rom entstandenen – Partituren Wolfgang Rihms und Helmut Lachenmanns, während Matthias Weischer eine Ansicht seines Ateliers dermaßen mit Oleander und Pinien umzeichnet, dass der Blick des Deutschen einen Anhauch von etwas Tropisch-Kolonialem bekommt.

Die Fügungen und Widrigkeiten bis zum heutigen Betrieb mit derzeit jährlich neun, um mehrmonatige Praxiskollegen ergänzte Stipendiaten zeichnet Angela Windholz nach. Denn auch abseits der zeitweiligen Kaperung der noblen Künstlerstiftung durch nationalsozialistische Notabeln weist das Jahrhundert der Villa Massimo das Maximale an Wirrungen, an bösen wie versöhnlichen Pointen auf, wie sie eben zur deutschen Historie gehören. Soeben ist das Haus fertig und bereit, den Nachwuchs des deutschen Künstlertums als Stipendiaten aufzunehmen, da bricht der Erste Weltkrieg aus, der mit Beschlagnahmung des Geländes durch die Italiener einhergeht. Kaum zurückerstattet, okkupieren das Institut die Nationalsozialisten. Der Bildband stellt sich dem üblen Kapitel mit Fotos, die Mussolini – der quasi als Nachbar ein paar Meter weiter seinen Wohnsitz hatte – und Magda Goebbels beim Besuch in der Villa Massimo zeigen.

Heiterer war dann schon die Episode der italienischen Künstlerboheme, die nach 1948 ebenso spontan wie hartnäckig die verlockenden Ateliers besetzt hielt. Noch heute erzählt man sich von wilden Partys mit Sofia Loren oder Gina Lollobrigida, eingeladen von langjährigen Hausbesetzern wie Renato Guttuso, der – Fotos beweisen es – auch Gäste wie Pablo Neruda oder Pablo Picasso bei sich in der „Accademia Tedesca“ nobel empfing.

Erst nach 1957, als die Italiener notgedrungen das Feld geräumt hatten, ist von einem kontinuierlichen Betrieb im Sinne des Stifters die Rede. Auch hier gab es um den Direktorenposten zähe Kämpfe, wie Angela Windholz korrekt und nüchtern darstellt. Mal war es der Kunstschriftsteller Gustav René Hocke, der Mitte der sechziger Jahre die Chefin Elisabeth Wolken mit einer Medienkampagne aus dem Amt treiben wollte. Nach 28 Jahren Amtszeit war es 1993 Wolken selbst, die als Nachfahrin des Stifters eine Art Erbrecht auf den Direktorenposten beanspruchte, sich damit nicht durchsetzen konnte und dem weltläufigen Kunsthistoriker Jürgen Schilling Platz machen musste.
Unter dem jetzigen Leiter, Joachim Blüher, wurde das Haus ab dem Jahr 2000 nicht nur sorgsam renoviert und erstrahlt nun im eigentlichen Glanz, sondern auch für die Stadt mit zahlreichen Ausstellungen, Konzerten, Lesungen recht eigentlich geöffnet. Dass in den kargen „Junggesellenmansarden“ der sechziger Jahre noch um ein nächtliches Besuchsrecht für Ehefrauen gestritten wurde, ist angesichts der Künstlerfamilien, die mit Kinderwagen, Grillplatz und Boulespiel das Gelände fröhlich prägen, kaum mehr vorstellbar.

Als „kulturelles Raumschiff, das seinen Astronauten für ein Jahr Ruhe und Konzentration schenkt“ (Stephan Schmidt-Wulfen) wird die Villa Massimo in der Rückschau zum arkadischen Ort, dessen in deutschen Seelen nur adäquat mit Melancholie zu gedenken ist. F.C. Delius widmet dem knirschenden Kies der Künstler-Allee ein wehmütiges Prosagedicht; Martin Mosebach dichtet über die „Maximalauftürmungen“ an Pracht und antiker Erhabenheit, die sich hier bestaunen lassen, wohingegen Feridun Zaimoglu in seinen Erinnerungen „wie ein Büßer im Parka durch den Garten“ streift und an die Italiener denkt, welche all diese Künstler und Autoren für „deutsche Kulturnasen in der Diaspora, irre Insassen eines Sanatoriums“ hielten.

Im Grunde also hat sich – außer der Existenz der deutschen Kunst-, Ton- und Textfabrik auf römischen Boden – seit Goethe und Seume wenig geändert an der aufgekratzt - kleinmütigen Befindlichkeiten der Germanen im klassischen Süden. Am unverstelltesten und rührendsten erzählt Andreas Maier von den halkyonischen Tagen: „Die Villa Massimo war meine Heimat, einstmals, und ich bewegte mich dort so natürlich und selbstverständlich von Tür zu Bett und Garten wie zu Hause in der Uhlandstraße in Bad Nauheim – nur dass vor der Tür eines Hauses in Bad Nauheim immer die Wetterau lag (und heute eine Ortsumgehung), aber nicht Rom.“

All die Abreisenden und Abgereisten tauft Maier „Ruinen unserer römischen Vergangenheit“. Denn: „Kamen wir unbeschadet aus der Stadt aus der Stadt und der Villa heraus?“ Eine unvollständige, doch immer noch lange Liste der Insassen ist – wahlweise – als Parnass oder Ruinenallee des deutschen Kunst- und Geisteslebens zu lesen, von Luise Rinser bis Peter Rühmkorf, von Rolf Hochhuth bis Friedrich Georg Jünger, von Botho Strauss bis Manfred Trojahn, Franz Radziwill bis Peter Stein und Robert Gernhardt. Sogar Karl Marx (als heute vergessener Komponist) war 1963 dabei, und da sind Zaungäste wie Hans Werner Henze, Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard, obwohl Letztere als Österreicher doch eigentlich ihre eigene, separate Akademie zur Verfügung gehabt hätten. Doch Lockerheit und Großmut gehören ja zu den verschütteten Nationaltugenden, die Deutschland – stellvertreten durch seine Künstler – in der Villa Massimo lernen soll, daher werden auch Holländer und Skandinavier zuweilen gern beherbergt. Zum Ausklang zeugen die Fotos vom munteren, von Kochsitzungen bis Installationen und Shop-Talks reichenden Gegenwartsbetrieb – und beweisen, dass von der etwas muffigen Abendlandrhetorik und Jugendherbergsstimmung früherer Jahre wenig mehr übrig ist. Im Gegenteil – wenn sich die Türen zur Kiesallee öffnen, wirkt dieses oft verkannte Deutschland im Mutterland der Schönheit endlich einmal stilsicher, graziös, leger, heiter.

Was wird diese Institution – aus dem noblen Geist eines deutsch-jüdischen Industriellen und heute ausgestattet vom Bundeskulturminister – für die kommenden Künstler-Jahrgänge bedeuten? Wenn es gut geht, eine kleine, von Licht und Wärme Roms erfüllte Zusatzbiographie, wie sie Ingo Schulze umreißt: „Merkwürdigerweise bin ich diese römische Doppelexistenz nie wieder losgeworden. Es war immer beides, die Erfüllung eines Traumes und doch ein bekannter Alltag, außerordentlich und zugleich selbstverständlich.“