Jürgen Schilling (Duisburg 1949 - Berlin 2026)
Jürgen Schilling wurde am 12. Oktober 1949 in Duisburg geboren. Er wuchs in einem bildungs- und kunstnahen Umfeld auf. Sein Vater, Alfred Schilling, Arzt aus einer rheinischen Unternehmerfamilie, war leidenschaftlicher Kunstliebhaber. Frühe Kunstreisen und Begegnungen mit Künstlern und Schriftstellern, darunter Hermann Hesse, prägten Schilling bereits in jungen Jahren.
Aus der kulturellen Offenheit des Elternhauses entwickelte sich früh ein Interesse an der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst. Nach 1968 begann er an der Georg-August-Universität Göttingen Kunstgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Publizistik zu studieren und wechselte 1970 an die Freie Universität Berlin. Ein Studienaufenthalt in Perugia vertiefte seine Beziehung zu Italien. Zwischen 1972 und 1977 promovierte er bei Heinrich Klotz und Martin Warnke über Aktionskunst. Unter dem Titel Aktionskunst – Identität von Kunst und Leben? legte er eine frühe umfassende Untersuchung einer Kunstform vor, die traditionelle Grenzen zwischen Kunst und Leben überschritt.
Hier verband Schilling wissenschaftliche Arbeit mit unmittelbarer Nähe zu den Künstlern selbst. Seine Forschungen entstanden aus Begegnungen, Gesprächen und persönlicher Teilnahme wie beispielsweise mit Wolf Vostell und Joseph Beuys – Persönlichkeiten, die nicht allein nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen suchten, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen anstrebten. Das war die Kunst für ihn: lebensrelevant. Und ihr widmete er sein Leben.
Bereits früh verband sich seine wissenschaftliche Arbeit mit kuratorischer Praxis, so in der Ausstellung zu Carl Bantzer, Marburg 1977. 1978 ordnete Schilling das von Wolf Vostell gegründete Happening-Archiv in Berlin neu. Zugleich entwickelte er erste internationale Ausstellungsprojekte und eine intensive publizistische Tätigkeit, die aus den persönlichen Kontakten mit den Aktionskünstlern hervorgingen und für die Schilling als Autor und Gestalter der Kataloge tätig war: Insbesondere für Vostell in Madrid (Museo Español de Arte Contemporáneo, 1978), Barcelona (Fundació Joan Miró, 1979) und Lissabon (Fundação Calouste Gulbenkian, 1979).
1979 übernahm er mit gerade einmal dreißig Jahren die Direktion des Braunschweiger Kunstvereins. Dort zeigte sich bereits jene atemlose Intensität, die seine gesamte spätere Arbeit prägen sollte. Er widmete sich nicht nur zeitgenössischen Positionen – Anthony Caro, Georg Baselitz, Ulrich Erben, Raimund Girke, Giuseppe Spagnulo, Douglas Swan, Emilio Vedova, Günther Uecker u.v.m. –, sondern gleichermaßen den klassischen Avantgarden: Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Karl Hofer, der Brücke usw. Gleichzeitig kuratierte er auch Projekte außerhalb des Kunstvereins, führte italienische Künstler in Deutschland ein und eröffnete neue Perspektiven auf internationale Entwicklungen.
In dieser Intensität ging es weiter: dutzende Ausstellungen pro Jahr, dazu Kataloge, Essays, Vorträge, Reisen und Lehrtätigkeiten. Die meisten Künstler, denen er in diesen Jahren begegnete, würdigte Schilling später erneut in Ausstellungen und Schriften. Seine Bibliografie – mehrere hundert Titel – ist Monument und Arbeitszeugnis zugleich.
Die folgenden Jahrzehnte machten Schilling zu einem international tätigen Ausstellungsmacher, Kurator, Kunstkritiker, Autor und Hochschullehrer. Er organisierte Ausstellungen für Museen, Galerien und Kunstvereine in Deutschland, Italien, Spanien, Griechenland, den USA und der damaligen Sowjetunion. Bedeutende Ausstellungsprojekte, waren Gegenwart/Ewigkeit 1990 im Martin-Gropius-Bau gemeinsam mit Wieland Schmied sowie Wille zur Form. Ungegenständliche Kunst 1910–1938 in Österreich, Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn, Wien 1993.
Neben den transzendentalen Aspekten der Kunst widmete er sich stets auch deren wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen. Gemeinsam mit Gerd Hardach veröffentlichte er 1980 Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte, das 1989 ins Japanische übersetzt wurde.
Er übernahm Lehrtätigkeiten an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (1980-83), Forschungsaufenthalte in Venedig, eine Gastprofessur an der Universität für angewandte Kunst Wien (1988–1992) sowie 1986 ein Aufenthalt in den USA, wo er als Kurator für das Williams College Museum of Art in Williamstown tätig war und eine Ausstellung deutscher Malerei im Guggenheim Museum vorbereitete.
Mit der Berufung zum Direktor der Villa Massimo 1993 reduzierte Schilling seine internationale Tätigkeit als freier Kurator und Ausstellungsmacher. Es war auch seine besondere Beziehung zu Italien – dessen Kulturlandschaft und zeitgenössische Kunstszene ihm mehr als vertraut waren –, die ihn schließlich nach Rom führte.
Die Jahre in Rom standen unter besonderen Herausforderungen. Schilling verstand die Villa Massimo nicht als repräsentative Institution, sondern als Ort konzentrierter künstlerischer Arbeit. Im Mittelpunkt standen für ihn die Stipendiatinnen und Stipendiaten, ihre Möglichkeiten während des Romjahres zu stärken und die Villa Massimo in der römischen Kunstszene neu zu verorten.
Mit großer Energie reformierte er die Struktur der Institution. Eine seiner wichtigsten Veränderungen betraf die Nutzung der Gebäude. Das Haupthaus der Villa, das historisch lange repräsentativen Funktionen vorbehalten gewesen war, wurde unter seiner Leitung für die Kunst geöffnet. Die Direktion und Verwaltung zogen in das bescheidenere Gärtnerhaus; die Villa selbst wurde zum Ort der Ausstellungen. Mit dieser ebenso praktischen wie symbolischen Entscheidung rückte Schilling die Künstlerinnen und Künstler ins Zentrum der Institution. Ebenso grundlegend veränderte er das Ausstellungskonzept. Anstelle der bis dahin üblichen gemeinsamen Jahrespräsentationen organisierte er für jede Stipendiatin und jeden Stipendiaten eigene monographische Ausstellungen mit begleitenden Katalogen. In kurzer Zeit entstand ein kontinuierlicher Ausstellungs- und Publikationsbetrieb; während seiner Jahre an der Villa Massimo erschienen mehr als siebzig Publikationen. Dieser enorme Arbeitsrhythmus war - da noch keine qualifizierten Mitarbeiterstellen vorgesehen waren - nur durch außergewöhnlichen persönlichen Einsatz und die Zusammenarbeit mit Volontären, aus deutschen Hochschulen möglich (Nachwuchsförderung).
Zugleich bemühte sich Schilling darum, die Villa stärker in der römischen Kunstlandschaft zu verankern. Dank seiner langjährigen Verbindungen zur italienischen Kunstszene lud er zahlreiche Künstlerinnen, Künstler und Gesprächspartner in die Villa Massimo ein und initiierte gemeinsame Projekte, wie die jährlichen Ausstellungen unter dem Titel "Babel", in denen er Werke von Stipendiaten mit Arbeiten etablierter und junger italienischer Künstler gegenüberstellte. In einer Stadt, in der die zeitgenössische Kunstszene damals relativ klein und sehr exklusiv war, nutzte er seine Netzwerke für neue Ausstellungsmöglichkeiten und bespielte Orte außerhalb der Villa Massimo.
Diese Jahre waren jedoch auch von Konflikten geprägt. Im Zentrum stand die grundsätzliche Frage, welche Kunst staatliche Förderung erhalten solle und wer darüber zu urteilen habe. Schilling verteidigte kompromisslos die Autonomie künstlerischer Entscheidungen und geriet darüber zunehmend in institutionelle Spannungen. Die Konflikte um seine Leitung verschärften sich ebenso wie der Ton in den Debatten, die um die Anforderungen an die Hausleitung geführt wurden und führten schließlich Ende 1999 zur Auflösung seines Arbeitsvertrags. Hintergründe dieser Entlassung wurden von der deutschen und italienischen Presse intensiv begleitet.
Die Belastungen dieser Jahre trafen Schilling in einer Zeit gesundheitlicher Fragilität. Nach einer lebensbedrohlichen Operation lebte er bereits seit Langem mit der Erfahrung körperlicher Verletzlichkeit. Dennoch arbeitete er mit unverminderter Intensität weiter – getragen von Neugier und einem unerschöpflichen Interesse an Kunst und Menschen.
Nach dem römischen Intermezzo war Schilling erneut als unermüdlicher international agierender Ausstellungsmacher, Kurator, Kunstkritiker und Autor tätig – unter anderem, und um nur einige zu nennen, für A. R. Penck, Ulrich Erben, Georg Baselitz, Johannes Heisig, Karl Hofer, Cornelia Schleime, Robert Rauschenberg, Elvira Bach, Edi Rama, Gotthard Graubner, Gerhard Richter, Hermann Nitsch, Johannes Grützke, Lyonel Feininger und Sigmar Polke.
Er verfügte über eine außergewöhnliche kunsthistorische Kenntnis, die von der Kunst des Altertums bis in die Gegenwart reichte. Zugleich interessierte ihn nie allein das Werk, sondern immer auch der Mensch hinter der Kunst, wie sich viele Künstlerinnen und Künstler erinnern, die ihm in der Villa Massimo begegneten.
Seine Texte spiegeln diese Haltung wider. Sie sind geprägt von Gedankendichte, von komplexen Verbindungen und einem beeindruckenden Wissensreichtum. Seine Interpretationen erschöpften sich nie im rein Ästhetischen; er hämmerte durch seinen Kenntnisreichtum den künstlerischen Positionen Bedeutung ein, seine Deutungen waren stets reflektiert und berührten die tieferen Schichten der Schaffensprozesse und deren zeitgenössische Relevanz.
Die Dichte seiner Texte schöpfte er aus einem eigens geschaffenen Dokumentationssystem, seinem immensen Archiv in Berlin. Seit den 1970er Jahren sammelte und ordnete Schilling in täglicher Arbeit Kataloge, Einladungskarten, Korrespondenzen, Zeitungsausschnitte, Künstlerbücher und Dokumente aus der internationalen Kunstszene – Materialien, die noch nicht Geschichte geworden waren, aber Geschichte werden sollten. Dieses Archiv war weit mehr als eine Sammlung: Es war Voraussetzung seines Denkens, Forschens und Arbeitens.
Methodisch beruhte sein Archiv auf wichtigen Vorbildern und Erfahrungen. Anstoß waren das Archiv der Politischen Ikonographie, das sein Doktorvater Martin Warnke im Anschluss an Aby Warburgs Kulturwissenschaftliche Bibliothek entwickelt hatte, das Happening-Archiv in Berlin von Wolf Vostell, welches Jürgen Schilling selbst 1978 neu ordnete, sowie das Archiv von Harald Szeemann, genannt „Fabbrica“ im Tessin, das heute im Getty Research Institute in Los Angeles aufbewahrt wird.
Wie für Szeemann die „Fabbrica“, so war auch für Schilling das Archiv Voraussetzung seiner kuratorischen und schriftstellerischen Tätigkeit.
Jürgen Schilling, welcher am 2. April 2026 nach langer schwerer Krankheit in Berlin verstorben ist, hinterlässt eine monumentale Bibliografie – das Hochkonzentrat seines Wissens – und die Erinnerung an einen Kunsthistoriker, Kurator und Direktor der Villa Massimo, der Kunst stets als etwas verstand, das weit über den ästhetischen Raum hinausreicht: als gesellschaftliche Kraft, als Form der Erkenntnis – und als Lebensform.
Angela Windholz, 2026